Dieser Film ist einfach nur da; und das ist sein größtes Verdienst. Je mehr man sich bemüht, ihn zu verbieten und ihn dieser Welt wegzunehmen, desto mehr steht er einfach für sich. Keine Frage, es ist einer der meist diskutierten Filme der bisher 115 Jahre währenden Filmgeschichte. Doch jeder weitere Kommentar, jedes Essay, jeder Verbotsantrag erweitert den Diskurs um das Werk und übersteigt den Wert dessen enorm.
Somit wird immer wieder auf eine Geschichte verwiesen, die einfach existiert; keine anklagende Geschichte, sondern etwas, das mahnt, ohne zu aktiv zu mahnen.
Dieses gewisse Maß an Passivität wird auch von Tonino delli Collis Kamera aufgenommen. Sie ist zurückgenommen und beobachtet das grauenerregende Geschehen. Das bedeutet aber auch, dass der Zuschauer nicht eingreifen kann. So geschieht etwas Schreckliches, indem es schlichtweg existiert, und gerade dies ist die Tatsache, die jegliche Kritiker des Werks vereint: Sie wollen jene abgründigen Seiten des Menschseins selbst verbieten.
Dieser Film ist nur ein Fenster, das uns davorstehen lässt und etwas zeigt, das wir nicht sehen wollen.
Pasolini stand Zeit seines Lebens der intellektuellen Linken nah, immer aber zuerst seine eigenen Ansichten und sein individuelles künstlerisches Schaffen vertretend, was ihm stets Feinde in zahlreichen politischen Lagern, auch in der Linken, einbrachte. Mit seiner konsequent gepflegten Arbeit einer oftmals grenz- und normüberschreitenden Kunst brachte er das konservativ geprägte Italien regelmäßig an den Rand des „gesellschaftlich Ertragbaren“ – und stellte so immer wieder zu Recht die Frage nach der normativen Gültigkeit und realen Existenz der Gutwerte des Establishments.
Nur die wenigsten Zuschauer geben sich die Mühe und damit dem Schaffen Pasolinis ein würdiges Zeichen, den Film als das zu sehen, was er ist: Ein Ausdruck künstlerischen Schaffens auf Zelluloid, ein Film, der uns mögliche Realität zeigt, genauer, unser potentielles Ich zeigen will, und der deswegen existiert, weil wir existieren. Der Film ist so da, wie wir alle da sind. Die Leinwand soll in allem gesehen werden dürfen, was sein kann, um ja genau dies auszusprechen. Denn nur wenn man wissen darf, was sein kann, kann man wissen, was nicht sein darf.
Die 120 Tage von Sodom: Fr. 12.03., 19:00 Uhr; Sa. 13.03., 21:15 Uhr; So. 14.03., 20:00 Uhr; Mo. 15.03., 21:15 Uhr
FSK: ab 18
Diesem Film folgt in unserem Programm wenige Wochen später die Hommage „Die 120 Tage von Bottrop“ von Regisseur Christoph Schlingensief.
Das oben erwähnte Grauen findet in einer Villa am Gardasee statt, das Ende der Mussolini-Diktatur ist in Reichweite. Vier Herren nutzen das Protektorat der deutschen SS und einiger italienischer Faschisten, die gewaltsam je acht junge Männer und Frauen auf den Landsitz bringen. Dort sind sie den sadistischen Gelüsten des Bankiers, des Herzogs, des Bischofs und des Richters schutzlos ausgesetzt.
Nach einem Epilog ("Vor dem Inferno"), der die Entführung der 16 jungen Menschen erzählt, setzen drei Tage voller Qualen ein, die jeweils einen Höllenkreis repräsentieren. In Anlehnung an Dantes "La divina Comedia" kämpfen sich die zu Untermenschen deklarierten Gefangenen durch die Höllenkreise der Leidenschaft, der Scheiße und des Blutes. Die perversen Orgien kulminieren in einer sadistischen Melange aus Folter und Exekution, die das Ende dieses Höllenfestes markiert.
Skandalisiert
Am 2. November 1975 wird der italienische Filmregisseur und Schriftsteller Pier Paolo Pasolini auf einem Grundstück an der römischen Meeresküste bei Ostia tot aufgefunden - malträtiert, erschlagen und von einem Auto mehrfach überfahren.
Guiseppe "Pino" Pelosi, ein damals 17-jähriger Prostituierter, wird kurz darauf von der Polizei verhaftet. Er gesteht die Tat und wird im anschließenden Prozess für schuldig befunden und verurteilt. Doch gleichzeitig entstanden schon damals zahlreiche Spekulationen um einen Mordkomplott, die in einem Widerruf Pelosis 2005 neues Feuer erhielten. Er erklärte, dass es sich um einen Auftragsmord von Unbekannten gehandelt habe. 2007 versammelten sich zahlreiche Intellektuelle weltweit unter einem Aufruf, den Fall neu aufzurollen. Doch bis heute sind die genauen wie wesentlichen Umstände des Mordes immer noch nicht aufgeklärt.
Interessant ist, dass Pasolini erst kurz vor seinem Tod "Salò oder Die 120 Tage von Sodom" als sein somit letztes filmisches Werk fertig stellte und ihm kurz darauf Teile des Rohmaterials gestohlen wurden. Am Tag seiner Ermordung soll er unterwegs gewesen sein, diese geraubten Bänder wieder zurückzuholen.
Eine endgültige Mystifizierung des Films konnte er letztlich nicht verhindern, und das in doppelter Hinsicht: Der Film selbst wie die Umstände seiner Erschaffung tragen die vorwiegend cineastische Last einer weltweiten Skandalisierung weiter mit sich. Erst 2007 wurde den Züricher Kollegen vom Xenix Kino aufgrund konservativer wie kirchlich gestützter Bestrebungen polizeilich verboten, den Film zu zeigen. Dieses lächerliche Zeugnis einer andauernden heuchlerischen Rechtschaffenheit und Angst vor (einer möglichen) Wahrheit wurde schließlich gerichtlich demontiert.
geschrieben von: jg am Dienstag, 09. März 2010, 22:30 Uhr
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