City Lights (Lichter der
Großstadt)
USA 1931, 86 Min.
Regie, Buch und Musik: Charles
Chaplin; mit: Charles Chaplin, Virginia Cherrill, Harry Myers u.a.
FSK: ab 6
Zwar hatten die Warner Brothers bereits 1928
den Tonfilm herausgebracht, dennoch drehte Chaplin mit City Lights –
Lichter
der Großstadt einen weiteren Stummfilm. Chaplin bedient sich in diesem
Werk
bereits einiger Elemente, die dem Tonfilm entstammen, setzt jedoch
weiterhin
Zwischentitel ein. Das Multitalent Chaplin hielt aus Überzeugung am
Stummfilm
fest. Für ihn war das Wesen des Films die Pantomime, die durch die
Filmtechnik
noch hervorgehoben wurde. Die häufigste Einstellung ist die Totale, die
dem
Bühnenraum aus der Perspektive des Zuschauers entspricht. Neben Modern
Times
(1936) gehört City Lights zu den bedeutendsten und erfolgreichsten
Filmen der
Dreißiger Jahre.
Der
Film beginnt mit der Enthüllung eines
Denkmals, das Frieden und Wohlstand verherrlichen soll. Als die Hüllen
des
Monuments fallen, sieht man den Vagabunden Charlie, der sich auf dem
Schoß der
Statue ausruht. So direkt hatte Chaplin noch nie die Gesellschaft und
ihre
offiziellen Kundgebungen karikiert. Anders als viele seiner bisherigen
Filme
besteht City Lights nicht aus einer Reihe brillanter Nummern, sondern
erzählt
eine geschlossene Geschichte. Chaplin ist in seiner Paraderolle als
Tramp mit
Hut und Stock unterwegs, als er sich in ein armes, blindes
Blumenmädchen
verliebt. Zudem rettet er einem Millionär, der sich umbringen will, das
Leben.
Zum Dank darf er nicht nur mit dem Begüterten die Nacht durchzechen,
sondern
bekommt auch etwas Geld geschenkt. Doch der Millionär ist nur unter
Alkoholeinfluss menschlich, nüchtern erinnert er sich an seine soziale
Stellung
und lässt den Tramp aus seiner Villa werfen.
Die
geniale Mischung aus Tragik und Komik
sowie Sozialkritik passt hervorragend zusammen und macht diesen
Klassiker auch
heute noch zu einem ungemein berührenden Film.
Bertolt
Brecht ließ sich von diesem
Chaplin-Film inspirieren und verwendete das Motiv der ‚gespaltenen
Persönlichkeit’
in seinem Theaterstück ‚Herr Puntila und sein Knecht Matti’, das ab 21.
September im Konstanzer Stadttheater aufgeführt wird. (vs)
Wir
zeigen den Stummfilmklassiker in
Kooperation mit dem Stadttheater einmalig am Donnerstag, 11.10.2007 um
20 Uhr
im Zebra Kino.
Musikalisch begleitet
wird der
Film von ...
Eintritt: 7,- EUR
Die
Doppelgänger von Sacramento (Deutsche Fassung)
(Our Relations)
USA 1936, 72 Min.;
Regie:Harry Lachmann; mit Stan Laurel, Oliver Hardy
FSK: ab 6; Prädikat: wertvoll
In Die
Doppelgänger von
Sacramento gibt es Stan Laurel und Oliver Hardy gleich im
Doppelpack. Zum
einen sind sie glücklich verheiratete Ehemänner und brave Bürger. Zum
anderen
gibt das Gespann deren Zwillingsbrüder: Zwei muntere Matrosen und
Abenteurer,
die gleichzeitig als die schwarzen Schafe ihrer Familien gelten.
Eines Tages erreicht
die beiden
Pantoffelhelden die Nachricht, dass ihre Zwillingsbrüder auf See
tödlich
verunglückt wären. Doch – unverhofft kommt oft – laufen die beiden
totgesagten
Tunichtgute gerade mit ihrem Schiff putzmunter in den Hafen ein und
stellen im
Strudel der nun einsetzenden Ereignisse die ganze Stadt auf den Kopf.
Durch
Verwechslungen werden Stan und Ollies Ehen vor massive Krisen gestellt
und die
beiden mitsamt ihrer Doppelgänger geraten wegen eines kostbaren,
verschwundenen
Rings in Konflikt mit organisierten Gangstern. Im grotesken
Durcheinander des
‚wer mit wem’ und ‚wer gegen wen’ und spontan gebildeter
Zweckgemeinschaften
kommt es zu rasanten Verfolgungsjagden und grotesker Situationskomik in
allerfeinster Slapstick-Manier.
Der Film ist einer
der ersten, die
von Laurel und Hardy selbst produziert wurden und in dem sie ihr
‚Lach-Kino’
vollständig nach eigenen Vorstellungen gestalten konnten. Mit
ungewöhnlichem
Aufwand (gemessen an den Vorgängerfilmen) ist eine
Doppelgänger-Groteske
entstanden, die zu den besten Filmen des Duos gehört. Nach Spuk um
Mitternacht, der zum Aktionstag der Kommunalen Kinos 2005 im
Rahmenprogramm
der Konstanzer Kurzfilmspiele_1.2 als (restaurierte) Fassung
uraufgeführt
wurde, freuen wir uns jetzt schon auf ein Wiedersehen mit den
sympathischsten
Hüteverwechslern und Augenpiekern der Filmgeschichte.
(hb)
Sonntag,
28/01/2006; 17:00 Uhr im Zebra-Kino
Dr.
Strangelove: or how I learned to stop worrying and love the bomb
Regie: Stanley Kubrick (USA, 1963); mit: Peter
Sellers,
Sterling Hayden u.a.
1.) Spätestens seit Don Siegels Invasion of
the
Bodysnatchers (Die Dämonischen, 1956) ist der kalte Krieg
ein Thema
auch im amerikanischen Film. Die Bodysnatchers waren bei Siegel
noch
Aliens, die aus den Menschen entseelte, botanische Klone ihrer selbst
machten.
Was bei Siegel noch ein Alien-Kollektiv war, wurde in der Folge mit
immer
schärferen Konturen die UdSSR.
Das innenpolitische Programm des
‘Kommunistenfressers’
McCarthy beschwor die Angst seiner Landsleute vor einer feindlichen
Übernahme
aus dem Inneren und der ‘roten Flut’, einer Invasion durch die
sowjetische
Supermacht. Die Folge war ein Klima der Angst, insbesondere der Angst
vor
Diffamierung und damit verbunden vor Berufsverbot, ein Radikalschlag
gegen
alles ‘Linke’ und ‘Liberale’ in den Vereinigten Staaten. Arthur Miller
beschrieb diesen Zustand als Hexenjagd.
1963 als Stanley Kubrick Dr. Strangelove
fertigstellt, ist McCarthy selbst nur noch Geschichte. Doch die
‘Traumatisierung’ der US-Bürger sollte noch lange vorhalten (und wurde
durch
die Kuba-Krise noch einmal verschärft). Zwei Supermächte, beide mit dem
Potential die gesamte Erde gleich mehrfach in die Luft sprengen zu
können,
stehen einander voller Misstrauen und im Kampf um die Frage nach dem
besseren
System - aus heutiger Sicht in nahezu absurder - Eitelkeit gegenüber.
2.) Hier endet die Geschichte und die
Leinwand-Geschichte
beginnt. Der kriegstechnische Apparat ist so hochgezüchtet und auf
binäre
Intelligenz getrimmt, dass Verfahrensabläufe im Ernstfall automatisch
durchgeführt werden (doomsday machine). Die Möglichkeiten des
menschlichen
Eingreifens (zum Beispiel im Fall eines technischen Fehlers oder eines
menschlichen Versagens) sind dabei nur noch gering. Der Film beginnt
genau mit
einem solchen saublöden Fehler.
(Der paranoide U.S. General Jack D. Ripper ist
überzeugt,
dass die Russen das Trinkwasser der USA vergiften und damit die
‚wertvollen
Körpersäfte’ der Einwohner angreifen. Eigenmächtig schickt er ein mit
Atombomben bestücktes B-52 Geschwader in Richtung Sowjetunion.
Um die Crew vor feindlicher Infiltrierung zu
schützen, wurde
ihr eingeschärft, das Funkgerät abschalten. Nun bleibt dem Präsidenten
nichts
anderes mehr übrig, als seinen ‚Kollegen’ im Kreml anzurufen und ihm
von dem
Missverständnis zu berichten. Das sowjetische Abwehrsystem ist, stellt
sich
heraus, so programmiert, dass bei einem Angriff automatisch der
Gegenschlag nicht
nur als Reaktion, sondern als Kettenreaktion erfolgt. Die logische
Konsequenz
ist, dass der flächendeckende Gegenschlag mit einem ebenso
flächendeckenden
Gegenschlag beantwortet werden muss. Was nun folgt ist eine der
bösesten
Satiren der Filmgeschichte und eine wunderbare Parodie auf das
filmische Mittel
der parallel-montierten last-minute-rescue.
3.) Seit David Wark Griffiths (The Fatal Hour,
1908; The
Lonedale Operator, 1911) hat sich eine spezielle Form der
Parallelmontage
etabliert und bis heute gehalten, in der ein Held oder eine Gruppe, die
den
Helden begleitet, in letzter Minute die zumeist blonde Belohnung aus
einer
lebensbedrohlichen Situation errettet und dabei den bösen Widersacher
unschädlich macht. Die Parallelmontage verfährt dabei so, dass der Weg
des
Helden, der noch diverse Schwierigkeiten überwinden muss und die
lebensbedrohliche Situation der Belohnung, die währenddessen der Held
gegen die
Widrigkeiten ankämpft, an Lebensbedrohlichkeit zunimmt, abwechselnd
gezeigt
werden. Die Dauer der Szenen wird dabei immer kürzer und es findet eine
räumliche Annäherung statt, bis sich dann Held, böser Gegenspieler und
zu
rettende Frau zur selben Zeit am selben Ort befinden und im show-down
entschieden wird, wer der bessere Kerl ist. Diese last-minute-rescue
(Rettung in letzter Minute) genannte, narrative Strategie (durch den
Schnitt )
ist aller Ehren wert, doch 1963 eigentlich nur noch ein Muster zur
Konfektionierung eines publikumswirksamen Streifens. Stanley Kubricks Dr.
Strangelove setzt gegen diese filmische Konvention einen
Kontrapunkt. Die
Crew der B-52 hat auf ihrem Flug gegen die UdSSR mit allerlei
Widrigkeiten zu
kämpfen, die sie (auch musikalisch) getragen vom amerikanischen
Pioniergeist
alle Schwierigkeiten bis zur Selbstaufopferung überstehen lässt. Das
gute Ende
unserer Helden ist in dem Fall allerdings nicht eine blonde Belohnung,
sondern
die zufriedenstellende, wenngleich auch weltzerstörerische Erledigung
ihres
Auftrags. Die ‘Aufgabe’ der last-minute-rescue verkehrt sich in
eine last-minute-destruction
in Rodeo-Manier. Was folgt ist der geniale Auftritt von Peter Sellers,
einer
Art Colonel Kurtz (aus Heart of Darkness hier als Dr.
Strangelove),
der aus lauter Begeisterung über seinen Vortrag (how I learned to
love the
bomb) seine Gehunfähigkeit vergisst und die Katastrophe
wissenschaftlich
fundiert und menschenverachtend zum Hohelied des Narzimus und Machismo
verkehrt. Den süffisantesten Teil des Films bildet jedoch die einmalige
Schlusssequenz.
Viele Filme von Stanley Kubrick waren wegen
filmrechtlicher
Querelen lange Zeit aus dem Verkehr gezogen. Das Zebra-Kino freut sich
ganz
besonders, mit der Wiederaufführung von Dr. Strangelove einen
aussergewöhnlich visionären, zugleich ebenso ernsten wie amüsanten Film
auf die
Leinwand zu bringen, der - wie die Entwicklungen in Pakistan, Nordkorea
oder
dem Iran zeigen, nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat. Für die
Ermöglichung dessen möchten wir dem Filmverleih Neue Visionen, der eine
35mm
Kopie des Films neu erstellt hat, besonderen Dank aussprechen.
(hb)